11. Dezember 2016

DU bist eine starke Frau - von Lebenskraft und Respekt


Bin ich stark?

Es geht zwar um das Thema Krebs, aber die Erkenntnis ist unabhängig davon… 

Mir wird häufig gesagt, wie stark ich bin und wie gut ich meine ganzen Geschichten ertrage – meine Antwort ist meistens: „Ich habe ja auch keine Wahl!“ und...

„Das schaffst auch du!“

Ok, ich habe vielleicht noch einen eigenen Humor, der mich durch das Leben trägt und ich versuche nicht alles so schwer zu nehmen, wie das Leben mir manchmal in die Pfanne haut, aber ich habe so wahnsinnig viele starke Frauen getroffen, dass ich sicher bin:

Wir können so viel mehr (er)tragen, als wir denken!


Lernen über sich selbst

Wenn man ein paar Tage im Krankenhaus liegt – oder auch mal ein paar Tage mehr – kann es passieren, dass man wechselnde Zimmernachbarinnen hat.
Man lernt so Menschen kennen, die man im Leben sonst nicht getroffen hätte, mit denen man sich vielleicht noch nicht einmal befreundet hätte, weil man ganz anders tickt oder das Leben und der Altersunterschied so groß sind, dass es einfach keine Berührungspunkte gibt.
Es kann natürlich auch anders sein.
Ich hatte das Glück, ein paar wirklich großartige Frauen kennen lernen zu dürfen, die mein Herz etwas größer gemacht haben.

Aber ich habe von allen Frauen dort etwas gelernt.

Frauen

Wenn man auf einer Krebsstation liegt, begegnen einem natürlich auch die unterschiedlichsten Schicksale, Persönlichkeiten und Geschichten.
Man trifft Frauen, die gerade an einem Punkt in ihrem Leben sind, an dem das Leben sie auf die Probe stellt und die tief ins Innere greift.

Frauen vor der Diagnose, Frauen mitten im Kampf, Frauen nach dem Krebs, Mütter, Omas, Krankenschwestern, gläubige Frauen, vom Leben hin und her gestoßene Frauen – Verzweiflung, Wut, Trauer, Mitgefühl, Dankbarkeit, Angst, Liebe, Zuversicht, Glück. Frauen die danach in ein großes Loch gefallen und gefangen sind und Frauen, die daraus stärker und glücklicher hervorgegangen sind.
Man trifft sie auf dem Flur, beim wöchentlichen gemeinsamen Frühstückt, bei der Krankengymnastik, vor den Untersuchungszimmern und im Gemeinschaftsraum.


Die Kraft

Ich habe Frauen dort im Krankenhaus kennen gelernt, die auf die Diagnose gewartet haben, ob ihr Leben sich nun ändern wird oder nicht.
Auf welche Art und Weise, war meistens erst einmal egal. Man muss sich damit auseinandersetzen, dass es sich etwas Entscheidendes verändert – ganz schnell und trotzdem sehr schleichend – für eine absehbare Weile (mit den Therapien und den Folgen) und für den Rest des Lebens (nach der Krebstherapie).
Denn die Krebsdiagnose ist auch immer beides – der akute Schock, die anstehenden Behandlungen und Folgen und der stete Begleiter für den Rest seines Lebens, mal mehr, mal weniger stark spürbar.



Der erste Schock ist immer das Schlimmste! Das kann einem niemand nehmen, wenn die innere Welt zusammenbricht und man gegen die Wand fährt mit den Gedanken. Die Verzweiflung ist unfassbar und jeder geht ein stückweit anders damit um, aber der Schock sitzt erst einmal.

Vielleicht liegt es an dem geschützten Raum, den ich dort auf der Senologie erlebt habe das „sehen“ von Frauen, die ein ähnliches Schicksal teilen in den verschiedensten Abschnitten davon – vor der Diagnose, nach der Diagnose, vor der Chemo, nach der Chemo, nach den OPs, mit und ohne Brüsten.
Man sieht, dass es nicht zu Ende ist, dass es weitergeht, dass die Diagnose Krebs nicht bedeutet, dass man nächste Woche tot ist.

Die Erkenntnis, dass es noch ein Leben gibt, macht einen stark.
Unabhängig, wie lange man noch leben darf oder was alles noch auf einen zukommt.

Du lebst, jetzt!
Und das gibt dir Kraft!

Denn es geht weiter…

Auf meinem Zimmer lagen auch Frauen, die nach dem Brustkrebs einfach nur zur Kontrolle für eine Nacht gekommen waren – natürlich ist man nervös, weil man Angst hat, dass alles wieder von vorne losgeht, aber man ist gewappnet, es ist etwas, was man schon mal kennen gelernt hat und die Angst vor dem Unbekannten ist meist größer, als vor dem, was man schon kennt. Also ist man gefasster und freut sich trotzdem, wenn alle Ergebnisse gut sind und man ganz schnell seinen Koffer nehmen kann, um wieder zurück in den Alltag zu gehen.

Ein Stück Vergessen auf Zeit! Und das Leben geht weiter.


Respekt und Lebenskraft

Ich habe so wahnsinnig viel gelernt und ich konnte für mich eine Menge mitnehmen aus den Begegnungen mit den Frauen auf der Station, den Schwestern und den Ärzten dort.
Ich wurde bestätigt, dass auch Du das schaffen kannst!

Dass das Leben uns Päckchen zu tragen gibt, die wir auch tragen können.
Das heißt nicht, dass es leicht ist, dass man es immer alleine schaffen kann, aber das alles in uns steckt, damit wir es schaffen können.

Ich habe mal wieder meine Grenzen kennen gelernt und neue setzen müssen. Ich habe wieder ein bisschen mehr Demut gelernt, vor dem, was ich habe.

Und mir ist einmal mehr gezeigt worden, welchen Respekt wir voreinander haben sollten, vor dem, was alles in uns steckt, egal ob wir uns kennen, oder nicht, ob wir uns mögen, oder nicht und ob wir uns verstehen, oder nicht.

Wir sind alle unterschiedlich geformt und leben in unterschiedlichen Lebensabschnitten, aber in uns steckt eine Lebenskraft, die nicht nur uns selber bereichert, sondern unabhängig von unserer Beziehung jeden bereichern kann.

Und das passt so schön in die Vorweihnachtszeit – unabhängig von Krankheiten und Widrigkeiten!

Habt Respekt voreinander! Ihr seid so stark und voller Leben!

Habt Euch lieb!

Einen schönen 3. Advent!