26. Mai 2016

Tschüss, ich muss jetzt sterben! – oder wie sagt man…


Kleine Anmerkung: Bitte, bitte, bitte keine Mitleidsbekundungen. Das letzte was ich möchte, ist Mitleid erwecken! Ich möchte anrühren, euch das Positive zeigen! Mauern zeigen und gerne auch eigene Mauern eingerissen bekommen! Ich bin nicht euer Patient und ich bin nicht euer Psychologe oder Ratgeber, ich möchte euch anregen, euch eigene Gedanken dazu zu machen, weil ich glaube, dass es vielleicht helfen kann.

Leben mit dem Tod

Ich habe gerade den Post von berlin-mitte-mom „ein Meer ungeweinter Tränen“ gelesen und bin mir nun sicher, dass es kein Fehler ist, den Tod auch an dieser Stelle mal „sein“ zu lassen.
Anna schreibt über den Tod ihrer Mutter, ihre Erinnerungen daran und ihren Verarbeitungsprozess - der Tod als Teil des Lebens, die Wut, die Trauer, die Desorientiertheit, auch wenn man einen lieben Menschen in Krankheit noch eine Weile begleitet und man weiß, dass es absehbar enden wird und sich selber in einer Art Paralleluniversum.

Wenn man nicht gerade brutal aus dem Leben gerissen wird, so kommt man doch zumeist eher über Krankheit und Alter mit dem Thema Tod in Kontakt.
Omas und Opas können sterben, Haustiere können sterben, Nachbarn und Kranke können sterben, in den Nachrichten wird viel gestorben. Sterben, dass uns anrührt, anstupst, mal mehr mal weniger intensiv.

Das Einzige, dem ich nichts schreibens- oder gedankenwertes abgewinnen kann, ist der Gedanke, dass eines meiner Kinder sterben könnte… hier bleibt auch meine Mauer stehen ohne eine Spur Licht… Schreibblockade, Gedankenblockade…


Der Tod kann das Leben bereichern

Das Thema Tod ist so vielseitig und wird so oft totgeschwiegen, dass man glauben könnte, wir wären alle unsterblich.

Sind wir aber nicht!
Und ich habe schon oft überlegt, ob und wie ich meine speziellen Gedanken dazu hier wiedergeben soll, darf und kann. Denn es gibt einen besonderen Aspekt, der mich plötzlich mit voller Wucht erwischt hat, den ich vorher zwar schon mal „überdacht“ hatte, aber nie wirklich „zuende“ denken musste.
Ein Gedanke, den ich gerne weiter tragen möchte zu denen, die bereit sind, sich darauf ein zu lassen. Das Thema Tod ist nicht ohne Schmerzen denkbar, aber es kann so viel Positives in einen selbst bewirken.

Es geht hier und jetzt nur um diesen einen Aspekt – dem Abschied von den eigenen Kindern.

Wenn Mama stirbt?!

Was ist mit unserer eigenen Sterblichkeit?!

Ich – also ich als Mutter mit Kindern – sterbe nicht so schnell, oder?!

Ja, ich lebe noch!
Aber ich dachte, ich müsste sterben.

Also nicht dieser Schreckmoment kurz vor einem Unfall oder Ähnlichem, das wo man die Vergangenheit wie in einem Film vor den eigenen Augen ablaufen sieht, sondern ich hatte Krebs (2009, das wissen bestimmt die meisten hier), so ‘n tödlichen Scheiß, den keiner braucht und der immer öfter seine Bahnen zu ziehen scheint.

Horrornachricht – Bäm! – Diagnose Krebs – Lebenserwartung 3-6 Monate – OP kritisch.

Meine Kinder damals 7 und 10 Jahre alt. In meinem Kopf Leere und völliges Gedankenchaos gleichzeitig.

Ich wusste von einem Tag auf den anderen nicht mehr – bin ich nächste Woche tot, weil die OP riskant ist, oder habe ich danach nach ein paar Wochen… Monate… Jahre?
Mal abgesehen von der Masse an Gefühlen die einen überwältigt, meiner Familie, meinen Freunden, den Umständen als solche, die Planungen, weitere Organisationen hatte ich einen ganz intensiven Gedanken, den ich nie mit jemanden besprechen konnte/wollte – wie Verabschiede ich mich von meinen Kindern?!

Ich geh dann mal

Was mache ich als Mutter, wenn ich weiß, dass ich vielleicht zu früh gehen muss?
Ich kann nicht meine Krankenhaustasche nehmen und aus der Tür gehen und winkend rufen „Tschüss, kann sein, dass ich sterbe, wenn nicht, melde‘ ich mich die Tage!“

Bei meinem bekannten Grundsarkasmus, würden Freunde sich über einen solchen Satz von mir nicht wundern… bei seinen eigenen Kindern, nein… niemals! – alt genug, um alles zu verstehen – zu jung, um ohne Mama weiter leben zu sollen.

Man hat manchmal keine Wahl und man weiß nur, dass sich etwas verändern wird – radikal – endgültig, aber wann genau und wie genau, dass wissen wir nie wirklich – niemals, auch nicht jetzt.

Vielleicht geht ja alles gut!


Ein letzter Tag?

Es gibt diesen Spruch „Lebe jeden Tag, als wäre es deiner letzter!“

Er soll ermuntern, einen antreiben, Dinge zu tun, die einen glücklich machen.
Der Gedanke, der dahinter steckt ist im Grunde sehr schön – lebe und genieße! Mache Bungeejumping, Reise um die Welt, nimm einen neuen Job an, rieche an der Blume, ruf deine Freundinnen an!
Ja!
Tut das!
Macht es!
Genießt es!

Aber leben, als wäre es das letzte Mal?! Ich finde das anmaßend!


Egoistisch in den Tod

Ich bin mir sicher, dass ich meinen letzten Tag nicht an einem Gummiseil in der Tiefe baumeln möchte oder nach Barcelona fliegen und Tapas essen möchte.

Ich möchte meine Lieben drücken und sie nicht mehr loslassen, ich will dann nicht reden, sondern die Nähe und Liebe spüren, die wir alle brauchen in guten wie in schlechten Zeiten – das worauf es eigentlich ankommt, täglich, das was wir zum Leben brauchen und was im Alltag manchmal unter geht.

Das ist aber nur meine Wunschvorstellung! Das muss jeder für sich selber entscheiden – und mal ehrlich, wie oft oder wie „real“ denken wir darüber nach, was man am aller letzten Tag gerne tun würde…?!

Und wenn man dann darüber nachdenken muss…?!

Wenn man nur noch eine Woche hat?!

Nein, wir haben unseren Kindern vor meiner OP nicht gesagt, was ich habe und wie kritisch es sein könnte. Ich habe mich auf einen meiner Ärzte verlassen, der mir versprochen hat, dass ich die OP überleben werden (Danke lieber Herr Dr. B. - ihre Worte, so wenige und doch begleiten sie mich bis heute).

Ich habe Abschiedsbriefe geschrieben – auch an meine Kinder und das war das verflucht härteste, was ich mir selber jemals angetan habe.

Was schreibt man seinen Kindern, wenn man nicht weiß, ob man sie noch einmal sehen wird? Wenn man weiß, man wird ihr Leben verpassen? Wenn man alles sagen will und nicht genug Worte hat für etwas, das Zeit bräuchte und Nähe und Liebe?!

Es war/ist ein sehr kurzer Brief, weil es einfach nicht geht, sein geballtes Muttersein auf Papier zu bringen. Ein Papier, dass sie den Rest ihres Lebens bis ins Erwachsensein begleiten würde, der das Kind jetzt tröstet und den erwachsenen später noch Tiefe gibt.

Kann man so etwas überhaupt schreiben?

Und ja mir kam der Gedanke – wie fair ist das eigentlich?

Ist es fair, Worte zu hinterlassen, die einen Menschen ein ganzes Leben lang prägen können ohne abschätzen zu können, in welche Richtung man den Menschen damit schickt?! Ohne etwas tiefer erklären zu können, etwas das einen berührt und immer passt und hilft…?!

Ich lebe in keinem Roman, in dem der Protagonist getragen von einem Abschiedsbrief durch die Untiefen des Lebens irrt und dank präziser und wunderbarer Worte zu sich und seinem Glück findet. Ich wäre das in manchen Momenten gerne, aber ich bin es nicht.

Versteht ihr, was ich meine? Etwas Unwiederbringliches auf Papier zu schreiben oder zu sagen, dass einen anderen Menschen frei geben soll und doch gleichzeitig fesseln kann für den Rest des Lebens… das Leben des eigenen Kindes?!

Nehme ich nicht mit dem Versuch, so etwas zu formulieren auch etwas weg - nämlich die Entscheidung, wie meine Kinder eigentlich mit meinem Verlust umgehen wollen… können… müssen… sollten…

Wie macht man es richtig?
Tod geht auch nicht perfekt!

Und wenn man ein paar Monate hat?

Nun, ich habe die OP überlebt! Danke!!!

Und wie geht es weiter und wie lange? Was wäre, wenn ich nur noch ein paar Wochen hätte? Doch Bungeejumping, Barcelona, Kaffeetrinken und Blumenschnuppern?!
Ja!

Und wie verbringt man die letzte Zeit mit seinen Kindern?

Ist es fair, die Zeit intensiv zu nutzen? Viele schöne Momente zu kreieren – vertiefe ich nicht den Schmerz, wenn nach einer solche intensiven Zeit, ich dann doch gehen muss. Ist es egoistisch, wenn ich sie bei mir haben will? Leiden sie nicht viel mehr, wenn sie meinen Verfall sehen?

Oder verschweige ich meinen Zustand und das absehbare Ende, das kommen wird? Überspiele ich die Situation und lasse sie vielleicht so sogar alleine in ihrer Verwirrtheit, die mich als Erwachsene schon ganz wahnsinnig macht?

Ist es fair Distanz zu schaffen, damit der Abschied leichter fällt?! Macht es das nicht auch noch schlimmer?!

Wie traumatisiere ich meine Kinder am wenigsten? Was für ein Gedanke?
Was für eine Wahl habe ich?

Es tut mir leid, wenn ich euch an dieser Stell keine Lösung anbieten kann. Denn wie immer, wenn es um persönliche Belange geht, ist die Lösung oder der Weg so individuell wie die Situation und die einzelnen Menschen.
Das, was für das eine Kind richtig wäre, ist für das nächste das fatal falscheste, das man hätte tun können.

Es gibt aber Trauerberatung, sogar speziell für Kinder und wäre meine Situation aussichtloser gewesen, hätte ich mir dort Hilfe geholt.


Im Jetzt sein

Und wenn ich das Ende nicht kenne?

Ich lebe noch! Immer noch! Finde ich total gut und ich WILL, dass sich das nicht ändert! Der Krebs kann immer noch jederzeit wiederkommen und mit der Zielfahne wedeln, … oder etwas Anderes… oder gar nichts oder…

Ich lebe wieder im Jetzt und nicht in der nahenden Endlichkeit… „normal“. Denn in der Normalität kennen wir das Ende alle nicht.

Ja, man kann beim nächsten Einkauf einen Autounfall haben, aber daran muss man nun wirklich nicht jeden Tag denken und je weiter wir das wegschieben können, umso schöner!

Aber ich habe die Zielfahne ziemlich dicht vor der Nase gehabt und einen Hauch der Ahnung bekommen, wie mein letzter Tag sein sollte! Ganz egoistisch! Nur für mich!

Ich weiß aber, dass das Leben zu leben, als wäre es dein letzter Tag, nicht jeden Tag wie am letzten Tag funktioniert, nicht funktionieren kann, denn entgegen des Sinnhintergrundes des Spruchs motiviert einen nicht der Gedanke, dass morgen alles vorbei sein könnte, sondern lässt einen erstarren und egoistisch werden.
Der Tod ist zwar egoistisch – aber man hinterlässt geliebte Menschen nicht bewusst und mit gutem Gewissen mit seinem eigenen Egoismus.

Also weiterleben!

Und genau das ist so wahnsinnig wichtig – das Leben, der Alltag, die Aneinanderreihung von allen Facetten des Lebens, die Essenz der intensiven Momente und die Auseinandersetzungen, auch das Unschöne.

Und das Leben mit meinen Kindern genauso wie es ist, die Schultasche in der Ecke, die zum Aufräumen gemahnt wird, genauso wie die 5e mal grade sein lassen, die Nähe und das gehen lassen und die natürliche Abnabelung der Kinder, mit Blick ins Jetzt und in die Zukunft.

Ich wollte in der langen Genesungszeit nichts lieber, als den Alltag wieder normal begehen zu können, denn ich konnte sehen, dass genau das meinen Kindern auch Sicherheit gegeben hat – Routinen sind so ein wichtiger Rahmen in so wirren Zeiten.

Mir wurde die Zeit geschenkt und hoffentlich noch lange weiterhin, den Alltag und das Jetzt zu leben und auch dem Abschied noch Zeit zu geben.

Ich habe den Abschiedsbrief an meine Kinder nicht verändert. Denn auch mit der Zeit habe ich noch immer keine passenden Worte gefunden, mich zu verabschieden für immer.

Aber ich habe Wünsche für sie:

ich wünsche ihnen Menschen in ihrem Leben, an die sie sich jederzeit wenden können
ich wünsche ihnen, dass trotz aller Widrigkeiten, sie niemals die Schönheit und die Magie des Lebens vergessen
ich wünsche ihnen die Stärke aus sich selber, den Weg aus dem Dunklen zu finden
und ich wünsche ihnen Liebe und Zeit

Und ich verabschiede mich jeden Tag von ihnen mit einem Kuss und einer Umarmung und den Worten:

Mach's gut! Viel Spaß! Pass auf dich auf und komm' heil' wieder nach Hause! Ich liebe dich!


Es ist so leicht und doch manchmal so schwer!
Lebe dein Leben, als wäre es normal!
Und genieße es!