3. September 2015

Ein Diabetiker sollte sich schämen - oder?!

Muss ich mich schämen, weil ich Diabetes habe?


Das habe ich mich als Diabetiker tatsächlich gefragt, als ich zum ersten Mal in der Öffentlichkeit alleine unterwegs war und mein BZ (Blutzucker) meine persönliche Tiefstleistung erbracht hat BZ 49 (Hypoglykämie).

Ich hatte nichts gemerkt


Normalerweise merke ich, wenn mein Blutzucker sinkt. Ich werde unruhig, fahrig und im Verlauf wird mir schwindelig und heiß. An diesem Tag bin ich mit einem guten Ausgangswert zur Hunderunde los gefahren und fühlte mich gut. Und plötzlich begann ich zu schwanken und schaffte es gerade noch bis zur Parkbank.


Bloß nicht ohnmächtig werden


Da saß ich nun mitten im Wald (ok auf einer Bank relativ nahe des Parkplatzes), meine gassibereiten Hunde um mich und ich konnte nicht gehen – keinen Schritt.

Die Hände wie steif gefroren, ohne kalt zu sein, starrte ich krampfhaft auf meinen Schoß und versuchte die verdammten ekligen Traubenzuckerpackungen zu öffnen und mich darauf zu konzentrieren NICHT Ohnmächtig zu werden…


Tunnelblick, schwarz an den Gesichtsfeldrändern und der Kreis wurde immer enger, Ohrenrauschen, Schweißausbrüche, Kurzatmigkeit, meine Tasche achtlos auf dem Boden, BZ Stäbchen daneben, die Hunde irritiert in der Wiese stehend (wir machen sonst nie Pausen), keine Kraft für Ordnung, Sauberkeit und Hundekontrolle.

Um Hilfe bitten?


Ja, es kamen ein paar Hundebesitzer an mir vorbei, aber ich war gar nicht in der Lage, auf mich Aufmerksam zu machen, obwohl Hundebesitzer sich ja doch zu 90% immer grüßen, oder wenigsten die Hunde abchecken, ob das gut gehen kann, ein Hund angeleint ist, oder eine Hündin läufig, aggressiv etc. ist.

Aber ich saß da mit einer Mischung aus Panikstarre, krampfhaft versuchter Atemkontrolle und der irritierenden Frage an mich selbst:



Wie erkläre ich jetzt schnell und logisch, dass es mir nicht gut geht… gar nicht gut?!


Dass ich vielleicht sogar Hilfe brauche, diese dusselig eingepackten Traubenzucker Pakete zu öffnen, weil es mir in meinem Zustand so verdammt schwer fällt, diesen Plastikstreifen zu greifen.

Dass ich Angst habe, ohnmächtig zu werden und ich wirklich dankbar wäre, wenn jemand sich ein paar Minuten zu mir gesellt, bitte ohne Kommunikation – das geht gerade nicht, vielleicht nur einen Blick auf mich wirft, bis ich wieder atmen kann und wieder hören und der Blick wieder klar wird…


Bei Interesse – lest gerne hier mal nach, was bei einer Unterzuckerung passiert.

Was ist das Problem?


In der Diabetikerschulung hatte mir ein Diabetesveteran erzählt , dass er zur Not halt den ganzen Block mit Folie in den Mund geschoben hat und den einfach zerkaut hat – die Folie dann hinterher ausgespuckt, um endlich an das helfende Zeugs zu kommen.

Das war dann bei mir noch nicht nötig, die Packung ging doch noch auf, aber nicht durch aufreißen, sondern zwischen den Fingern schiebend, bis die Markierung sich löste…

Kohlenhydrate....


Endlich, das Dröhnen wurde leiser, das Schwitzen blieb zwar, aber ich konnte wieder hören und den Kopf heben…


Das war's jetzt


Aber leider war das noch nicht alles...


10 Minuten später BZ 71– ok der Blutzucker steigt, aber noch nicht genug - noch n Müsliriegel hinterher – atmen, Kleidung klebt am Körper, Hände hören auf zu zittern… warten dass es wirkt…


20 min später BZ 81 – ok, ich kann wieder reden, aber das flaue Gefühl bleibt – 6 Einheiten an Blutzuckersteigernden Substanzen hatte ich nun intus – das müsste reichen, um meinen Blutzucker in schwindelerregende Werte von 220 zu katapultieren – ich rief meinen Mann an, damit jemand Bescheid weiß… er wollte mich abholen, aber ich baute auf den Traubenzucker und vertröste ihn – normalerweise ist der ganze Spuk nach spätestens 20 Minuten vorbei und ich bin wieder voll da ohne die geringste Einschränkungen – zur Vorsicht smsten wir alle 5 Minuten.

Alles wieder gut?


Ich unterhielt mich wieder mit Hundebesitzern die an mir vorbei zogen, immer noch hin und her gerissen, zu sagen, dass ich grade fast umgekippt wäre, aber hey, mir ging es ja wieder besser, ich fühlte mich zwar immer noch mies… - oder sollte ich doch die nette Dame bitten, ein bisschen bei mir zu bleiben, weil ich noch nicht ganz fit wieder bin?!

Ich tat es nicht! – Warum nicht? Aus Scham?


Ich blieb sitzen – ich konnte doch nicht normal wirken – ok, sie kannte mich ja nicht – was ist schon normal – vielleicht hatte ich mir trotz der frühen Tageszeit schon ein zwei Prosecco gegönnt (ich trinke doch gar nicht – nie).

Ich hatte immer noch Sprudel im Ohr und ließ die nette Dame weiter ziehen…
Lieber nochmal messen...

 WTF


40 minuten später BZ 73 WTF – warum, ging der Wert wieder runter???? Jetzt bekam ich doch langsam Angst… richtig.

Noch ein Müsliriegel – als Diabetiker könnte ich eine Pfadfindergruppe eine Woche lang im Wald alleine ernähren mit meinen Notfallessen – die Cola auch noch (inzwischen meine erste Wahl bei Unterzuckerungen – nicht gut, ethisch moralisch, gesundheitlich, nicht vegan und auch nicht umweltbewusste, aber es wirkt SOFORT und für länger – ich weiß nicht warum, aber ist auch egal).


Da saß ich nun, die Hunde hatten inzwischen verstanden, dass es keine ausgiebige Runde heute mehr für sie geben würde und streunten in den Büschen rum, ich gebe zu, mir war ein bisschen nach weinen.


Endlich


1 Stunde später war ich dann endlich bei einem BZ von 93 – ich fühlte mich wieder zurechnungsfähig und fahrtüchtig, Blutzucker aufsteigend…. guuuut.


Endlich wieder Zuhause nach 1 ½ Stunden war ich bei einem BZ von145.

Mit 11 Kohlenhydrateinheiten, die ich nicht weg gespritzt hatte, hätte ich mindestens einen Wert um 300 haben müssen – was zur Hölle war nur los mit mir?


Es wird ein Diabetes-Mysterium bleiben! Und ich bin eigentlich nur froh, nicht umgekippt zu sein…


Und warum hab ich niemanden gebeten mir zu helfen?


Weil ich mich geschämt habe, mir einzugestehen, dass ich mich nicht unter Kontrolle habe?!

Weil ich nicht die Kraft hatte, jemanden zu erklären, dass es mir schlecht geht – richtig schlecht?! Weil eben keiner so richtig Ahnung hat von Diabetes – also nicht den von Omma oder Tante Hedi, sondern den, wo ich lebensgefährlich in Ohnmacht fallen kann, weil ich den ungenießbaren Traubenzucker nicht aufbekomme – diese kleinen dummen Dinger, die es für wenig Geld an der Supermarktkasse gibt und die nicht mal nach Medizin riechen, aber mir das Leben retten können (ein bisschen Theatralik muss sein, aber leider kann es in schlimmen Fällen wirklich böse enden)?!

Muss ich mich schämen?


Nein!

Ich muss mich nicht schämen – aber ich muss mutiger sein und ich muss die Menschen aufklären – am besten schon, bevor sie dem vermeintlichen betrunkenen, schwitzenden, desorientierten und torkelnden Junkie begegnen, der vor ihnen steht oder in der Ecke sitzt und brabbelnd versucht das weiße Zeug aus der Folie zu pellen.

Ich bin kein Junkie


Das weiße Zeugs in meinen Händen ist kein Heroin – das ist Traubenzucker und ich will das essen! Ich MUSS!


Vielleicht schaut ihr nächstes Mal einen Blick genauer hin, wenn ihr jemanden so seht – vielleicht fragt ihr mal kurz nach, ob alles in Ordnung ist, oder Hilfe benötigt wird, wenn euch etwas seltsam vorkommt?!

Es muss ja nicht mal ein unterzuckerter Diabetiker sein, auch andere Ereigenisse können Eurer Hilfe bedürfen - ein Schlaganfall ist auch nicht auf den ersten Blick erkennbar - aber dort zählt ebenfalls jede Minute.


Und nicht vergessen, es kann auch KINDER betreffen!!!!

Typ 1 Diabetes kann schon im Babyalter auftreten und kein Diabetiker ist vor Unterzuckerungen geschützt, egal wie lange er schon damit lebt.


Und ich? Ich werde versuche, Menschen mit einzubeziehen, wenn ich es kann! Vielleicht gelingt mir das schon hier?!


Passt auf euch auf!